Das dumme Weib - Der rissige Weg

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Es waren einmal zwei alte Leute, aber ohne Kinder, und die Ehefrau etwas däppisch.
Da schickte sie ihr Mann einst auf den Markt, um Schmalz zu verkaufen. Es war sehr heiß und der Weg von der großen Hitze zerrissen und zersprungen. Wie nun das gute Weib diese Risse und Sprünge sah, sagte sie: "Gelt, o armer Weg, dir tun gewiss diese Sprünge so weh wie mir die meinen von Hand und Fuß", nimmt daher das Schmalz und streicht es so lange in die Kluften des Weges, als es eben reichte, dann ging sie heim.

Da fragte sie der Mann, ob sie das Schmalz wohl gut verkauft habe. "O mein Mann", erwiderte sie, "ich kam auf den Weg, der voll Wunden war, und kein Mensch erbarmte sich seiner. Da nahm ich in Mitleid das Schmalz, welches du mir gegeben und strich es in den Weg, um seine Schmerzen zu lindern."
"Du dummer Teufel", brummte der Mann unwillig, "du machst mich mit deiner Ungeschicklichkeit noch ganz arm."

Installation: Der rissige Weg von Renate Christin, Sinzing
Der gemarterte Weg erregt das Mitleid der Bäuerin, denn ihre Hände sehen nach dem Waschen ähnlich aus. Deshalb schmiert sie in die Schrunden Schmalz, das sie eigentlich verkaufen sollte.
Dargestellt wird dies durch in den Pfad eingelassene Betonplatten mit deutlich spürbaren Veränderungen durch Räder und Tritte.

 

 

Der rissige Weg von Renate Christin ist mit den Füßen spürbar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das dumme Weib - Die nackten Birken

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Wie wieder Markttag war, gab er ihr ein Stück Leinwand, um es zu verkaufen. Das Weiblein musste durch ein Birkenwäldchen gehen. Da sah sie, dass die Birken ganz nackt dastünden. Auch ging ein starker kalter Wind, dass sie fror. So sagte sie zu den Birken: "O ihr armen Dinger, wie muss euch frieren, da ihr nicht einmal ein Hemd anhabt. Friert mich schon so arg, und hab ich noch mein Gewand an." Sie riss daher ihre Leinwand in Streifen und band um jede Birke einen, so lange es eben reichte. "Nun habt ihr doch wenigstens einen warmen Fleck", tröstete sie die Bäume und ging dann wieder heim.

Wie sie nach Hause kam, fragte sie der Mann, ob sie die Leinwand gut verkauft habe. "Ach nein", erwiderte klagend das Weib: "Sieh, lieber Mann, wie ich so ging, kam ich in einen Wald, und standen die Birken ganz nackend da und hatten kalt, weil ein scharfer Wind ging. Ich konnte es nicht über das Herz bringen, sie so frieren zu sehen, sondern machte aus der Leinwand, die du mir mitgabst, lauter Binden und wickelte damit die armen Bäume ein, damit doch ein Fleck von ihnen warm bleibe."
"O du einfältiges Weib", zürnte der Mann, "du machst mich mit deiner Dummheit noch ganz arm."

Kunstobjekt: Die nackten Birken von Herta Wimmer-Knorr, Kallmünz
Das "dumme Weib" soll ihr selbstgewebtes Leinen auf dem Markt verkaufen. Es ist kalt, der Wind bläst mächtig. In einem Wald sieht sie Birken in ihren dünnen Rindenhäutchen stehen und denkt, dass sie unweigerlich erfrieren müssen.
Voller Mitleid packt sie ihr Leinen aus, schneidet es in Streifen und wickelt es um die Stämmchen. Glücklich über die gute Tat, aber mit leeren Händen geht sie wieder nach Hause.
Die Objekte stellen "weibliche" Birken dar, deren frierende Körper mit weißen Bandagen umwickelt sind.

 

 

Die nackten Birken in ihrem Kleid von Herta Wimmer-Knorr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das dumme Weib - Die große Not

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Wieder ging der Mann in den Wald um Holz zu schlagen. Da gab er dem Weib ein Säckchen mit Geld und ermahnte sie, es fein sorgsam aufzubewahren, bis die große Not käme. Das Weib versprach, es zu tun. Wie der Mann nun fort war, kam ein alter Bettler und bat um Almosen. Seine Not wäre gar so groß. "Also bist du die große Not?" fragte ihn die Frau verwundert. "Ja, wohl", sagte der Bettler. Da gab sie ihm das Säckchen Geld und war froh, die Sorge des weiteren Aufbewahrens los zu sein. Abends, wie ihr Mann nach Hause kommt, läuft sie ihm entgegen und erzählt ihm voll Freude, dass die große Not schon da gewesen sei und das Säckchen mit Geld geholt habe.

Da war der Mann sehr zornig und sagte: "Nun, da deine Dummheit uns um Hab und Gut gebracht hat, so bleibt uns nichts übrig, als dass wir zusammenpacken und weiterziehen." Das Weib war es zufrieden, und so nahmen sie denn ihre Sachen zusammen und zogen weiter. Wie sie auf dem Weg eine Zeitlang gegangen waren, meinte der Mann, das Weib sollte doch noch umkehren und das Beste vom Hause noch mitnehmen. Da ging das gute Weib hin, nahm die Tür aus der Stube und brachte sie. Denn sie glaubte, diese sei das Beste am ganzen Hause.

Installation: Blauer Emailtopf
Der "Spartopf" der Bauersleute für den Fall, dass die große Not kommt, wird durch einen blauen Topf hoch im Baum dargestellt.

 

 

Der Spartopf der Bauersleute.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das dumme Weib - Das Räuberlager

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Sie waren nun gegangen, bis es Nacht wurde, und weil sie in einem Wald waren und sich nicht getrauten, auf der Erde zu schlafen, so stiegen sie auf einen Baum, machten die Türe in den Ästen fest und legten sich darauf.

Nicht lange darauf kamen Räuber und zündeten gerade unter diesem Baum ein Feuer an, setzten einen Kessel darüber und wollten Fleisch kochen. Die beiden Leute da oben auf dem Baum hatten aber große Angst, und die Frau geriet in große Not. Endlich fing sie zu ihrem Manne an: "O Mann, o Mann, ich muss Wasser lassen!" Da gab ihr der Mann erschrocken seinen Hut. "Denn," meinte er, "wenn die Räuber uns merken, so erschlagen sie uns." Gleichwohl ging etwas über den Hut hinaus und tropfte auf die Räuber hinunter. Da sagte einer davon: "Mach, dass wir fertig werden. Denn der Tau fällt schon." 

Das Weib aber lag nicht lange ruhig, denn plötzlich stieß sie ihren Mann in die Seite und vertraute ihm, dass sie noch größere Not habe wie vorher. Er gab ihr dann erschrocken seinen Schuh, um die Notdurft hinein zu verrichten. Sie tat es, aber gleichwohl ging etwas daneben und fiel unter die Räuber. Da meinte einer derselben, es sei hohe Zeit zu gehen. Schon erhebe sich das Morgengrauen und zwar so stark, dass die Butzelkühe (= Tannenzapfen) von den Bäumen fallen.

Nach einer Weile fing das Weib wieder an und sagte, sie könnte nicht mehr länger auf einer Seite liegen, sie müsse sich umkehren. Der Mann zankte wohl, aber es half nichts. Wie sie sich aber umkehrte, wurde die Tür los und fiel herunter und mit ihr die beiden, welche auf ihr gelegen hatten, und zwar mitten in die Räuber hinein. Da erschraken die Räuber und liefen in großer Angst davon und ließen alles liegen.

Die beiden Eheleute aber, als sie sich von ihrem Falle erholt hatten, packten zusammen, was die Räuber zurück gelassen hatten, darunter einige Beutel mit Geld, und kehrten, so reich geworden, wieder in ihr Häuschen zurück, wo sie nun genug zu leben hatten.
Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch.
In: Prinz Roßzwifl S. 245

"Die große Not" erscheint hier als Person. Wie kann sie sonst auftreten?
War die Frau wirklich dumm? Wo ist die Grenze zwischen Mitleid und Dummheit?
In einem Schwank erscheint irgendwo die Wahrheit.
Wäre auch ein anderer Schluss denkbar, nachdem sie das Haus verlassen haben? Positiv oder negativ?
Wie könnte man die große Not darstellen?

Kunstobjekt: Das schwebende Bett von Helmut Wolff, Regensburg
Ein verzogenes schwebendes Bett, eigentlich nur eine aufgehängte Haustür, schwebt über dem "Räuberlager", einem Kreis von Steinblöcken im Wald. Auf der Tür haben sich zwei arme Leute ein Nachtlager zurechtgemacht. Man sieht ihre Füße und Hände auf der luftigen Liegestatt, die mit Drahtseilen fest in den Bäumen verzurrt ist, die aber doch den Bewegungen der Bäume im Wind folgen kann.

[PDF-Druckversion]

Probesitzen im Räuberlager.
Räuberlager. Hände und Füße vor der Montage.
Schwebendes Bett über dem Räuberlager.