Der Höydl

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Ein böser Räuber und Mörder hatte die Angewohnheit, nach jeder Untat eine Kerbe in seinen Stecken zu schnitzen. Gegen Ende seines Lebens war fast kein Platz mehr auf dem Stecken, und er begann, sich seiner Sünden zu besinnen. Ein Einsiedler kam in den Wald, den bat er, ihn von seinen Sünden los zu sprechen. Doch der sagte: Dein Maß ist so voll, von diesen Sünden kann ich nicht mehr frei sprechen. Der Höydl war sehr betrübt und sagte: Was muss ich tun, um doch noch die Gnade Gottes zu erlangen? - Du musst dein Kerbholz in den Boden stecken und kniend davor beten. Wenn das dürre Holz austreibt und Blüten und Frucht trägt, dann bist du erlöst, sonst nicht. Der Einsiedler ging fort, und der Höydl tat, wie ihm geheißen.

Nach vielen Jahren kam der Einsiedler wieder in diesen Wald. Da fand er einen blühenden Apfelbaum, und davor kniete der Höydl mit zum Gebet erhobenen Händen. Der Einsiedler rief ihn an, ohne Antwort, dann berührte er ihn an der Schulter: He Höydl, schau, du kannst aufstehen, du bist erlöst! - Da zerfiel der leblose Körper in Staub, und eine weiße Taube erhob sich aus seiner Brust.
In: Prinz Roßzwifl, S. 231 

Was war und ist heute ein Kerbholz?
Warum werden Menschen straffällig?
"Jedem eine Chance" - Wie weit soll oder darf man gehen?
Der Räuber im Volksmund. Es gibt noch andere Beispiele.
Was bedeutet die weiße Taube?

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Kerbholz von Erika Eichenseer, Regensburg
Ein Verbrecher hat für jede seiner Untaten eine Kerbe in seinen dürren Wanderstecken geschnitten.
Am Ende seines Lebens will er Erlösung von seinen Sünden erlangen, doch die kann er erst erlangen, wenn er so lange gebetet hat, bis dieses Kerbholz austreibt. Neben seinem dürren Baum mit z. T. blutigen Kerben wächst ein junges Bäumchen heraus, als Zeichen, dass er erlöst ist. Doch der Höydl ist tot.
Diese Geschichte ist eine oberpfälzische Variante zu der bekannten Thannhäuser-Legende.
In: Prinz Roßzwifl, S. 231

 

Bildergalerie

 

Der Höydl-Baum wird ausgesucht von den Leiterinnen des Walderlebniszentrums Kathrin Düser und Michaela Amann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aus dem toten Kerbholz ist ein junger Baum gewachsen.
Der Höydl ist erlöst.

Der Gang zur Hölle

Ein Primiziant wollte wissen, wie es in der Hölle zugeht, also machte er sich auf den Weg zur Hölle. Im Wald kam er zu einer Hütte, und davor saß ein fürchterlicher Mann, ein Verbrecher, den fragte er nach dem richtigen Weg. "Du bist schon recht", war die Antwort, "aber wenn du hinnkommst, schau dich auch um meinen Platz dort um und frag, ob mir noch zu helfen ist. Wenn nicht, will ich zu guter Letzt weiter morden und Unrecht tun." Er zeigte ihm ein Apfelästchen, das auf allen vier Seiten Einkerbungen hatte. "So viele habe ich schon erschlagen!" Da ging der Geweihte des Herrn weiter und kam an das Höllentor, schlug mit dem Kreuz daran und läutete die geweihte Glocke. Das Tor öffnete sich. Er schaute sich um, dann fragte er, ob dem wilden Mann noch zu helfen sei. Er bekam die Antwort, dass er noch nicht ganz verloren sei.

Der Priester ging wieder zurück zu dem Mann und meldete ihm die frohe Botschaft, die aber an eine Bedingung geknüpft sei: "Du musst dich neben das Bäumchen mit den Kerben knien und solange beten, bis ich meine erste heilige Messe gelesen habe und wiederkomme."
Sieben Jahre vergingen, da erinnerte ihn ein Traum an den Mann im Wald. Er fand den armen Mann bis an den Leib in die Erde versunken, voll Haare und Bart, sein Gewand in Fetzen flatternd. Das Ästchen war zu einem Bäumchen gewachsen und trug goldene Äpfel. Nun nahm er dem armen Sünder die Beicht ab und reichte ihm den Leib des Herrn. Sogleich fiel er tot auf die Erde. Von dem Bäumchen aber fielen die goldenen Äpfel, jeder mit einem "Vergeltsgott" herab, und flogen als weiße Täubchen davon: es waren die Seelen der vom Höydl Erschlagenen.
Pleystein