Schönwerth in der Erzählkunst

Märchen erzählen – neue Kunst aus alter Tradition

Märchen waren bis ins 19. Jahrhundert von Erwachsenen für Erwachsene erzählte Geschichten, von Mund zu Mund weiter getragene „Überbleibsel alter Mythen, spielerische Abkömmlinge einer uralten intuitiven Schau des Lebens und der Welt.“ Das Märchen schildert mit seinen Symbolen, Metaphern und archetypischen Bildmotiven innere Schicksale, Entwicklungen und vor allem Grenzsituationen des Menschen in einer Art und Weise, die das Unbewusste mit einschließt. So kann das Märchen zum Projektionsfeld der eigenen Phantasie werden. Die Psychoanalyse Sigmund Freuds sagt, dass Märchen und Mythen ebenso wie die Träume wichtige Deutungen zulassen, dass sie quasi als „kollektive Träume der Menschheit“ entziffert werden können. Und C.G. Jung nennt das Märchen sogar „Anatomie der Seele“.

"Volksmärchen sind sinndeutende Zeugnisse gelebten Lebens. Wie das Leben selber, erneuern sie sich ständig und sind so ein Urgrund von Poesie und zugleich deren vollendete Form. Wer sich mit Märchen im Erzählen und Zuhören vertraut macht, erkennt in den alten Texten ihre überzeitliche Wahrheit und Schönheit. lebendig, einfach und umfassend begegnen wir in den Märchen uns selbst, unseren Mitmenschen, ja der Welt und dem Welthintergrund. Deshalb beschäftigen die Märchen nicht nur Gelehrte: sie erfreuen ihre Liebhaber; sie richten sich in der ihnen eigentümlichen ganzheitlichen Weise an alle Menschen. Sie bekunden nämlich durch ihre in der ganzen Welt auffallend ähnlichen Motive ebenso wie durch ihre Wanderungen über alle Grenzen hinweg die ursprüngliche Verwandtschaft der Völker im Denken und Fühlen. (Europäische Märchengesellschaft)"

Märchen sind eigentlich keine Literatur, sondern „Linguatur“, sie wurden ausschließlich erzählt. Aufgeschrieben hat man sie erst in den letzten 200 Jahren, als Märchenfreunde merkten, dass die Erzähler langsam ausstarben und die Märchen mit ihnen unterzugehen drohten. Das war die Zeit der großen Sammler, die viele Schätze buchstäblich in letzter Minute gerettet haben wie die Brüder Grimm und der Oberpfälzer Franz Xaver von Schönwerth.

Seither aber stehen Märchen in Büchern und werden allenfalls noch vorgelesen – für Kinder, obwohl ursprünglich Märchen nur für Erwachsene erzählt wurden, z.B. in Spinnstuben, bei Nachtwachen, am Lagerfeuer und zur Unterhaltung und Erziehung von Königen.

Heute wird man sich wieder des Wertes der Märchen bewusst, Märchenerzähler sind wieder gefragt. Oft werden sie verwoben mit Musik auf eindrückliche Weise. Da wird erzählt mit Worten und Klängen, da wechselt Melancholisches und Heiteres, Schreckliches und Schelmisches.