Bedeutung von Franz Xaver von Schönwerth (1810 – 1886)

Am 16. Juli 2010 jährt sich der zweihundertste Geburtstag des aus der Oberpfalz stammenden Volkskundlers, Sprachforschers, Sagen- und Märchensammlers Franz Xaver von Schönwerth (1810-1886), den heute nur noch wenige seiner Landsleute kennen. Dies ist der Anlass für die Franz Xaver von Schönwerth-Gesellschaft, um sich im Rahmen eines interdisziplinären Symposiums und einer Reihe von Vorträgen, Publikationen, Ausstellungen, Konzerten, Theateraufführungen und anderen Aktivitäten in der ganzen Oberpfalz mit der Bedeutung dieser Persönlichkeit eingehend auseinanderzusetzen, die zur Ausbildung einer kulturellen Identität der Oberpfälzer erheblich beigetragen hat.

Bis heute leider immer noch viel zu wenig bekannt ist Franz Xaver von Schönwerth vor allem durch sein dreibändiges Werk „Aus der Oberpfalz. Sitten und Sagen“ (1857-1859). Kein geringerer als Jakob Grimm (1785-1863) schrieb darüber: „Nirgendwo in ganz Deutschland ist umsichtiger, voller und mit so leisem Gehör gesammelt worden“. Grimms Wertschätzung ging so weit, dass er gegenüber König Maximilian II. geäußert haben soll, dass nur Schönwerth ihn eines Tages in seiner Arbeit ersetzen könne. "... der Verfasser hat gewusst, alle Vorteile zu ziehen, die sich aus der ruhigen Beschränkung auf einen sagenreichen Landstrich ergeben. Die Berge, Hügel, Wälder seiner teilweise rauhen, unbegünstigten und doch schönen Heimat hegen eine Fülle schlichter und treu bewahrter Überlieferung, wie sie anderen glänzenderen Gegenden nicht zu Gebote stehen."

Schönwerths Werk markiert den „Beginn der Volkskunde in der Oberpfalz“ (Enzyklopädie des Märchens), da er in den 1850er bis 1880er Jahren eine Fülle von Belegmaterial zur Erzählkultur (Sagen, Märchen, Sprichwörter usw.) und zur Alltagskultur (Bräuche, Kinderspiele, Kleidung, Nahrungsverhalten, magische Praktiken, Rechtsverständnis usw.) der breiten Bevölkerung in der Oberpfalz zusammengetragen hat. Dieser immense Quellenfundus, der bisher nur zu einem sehr geringen Teil publiziert worden ist, gehört zu den bedeutendsten Beständen seiner Art im deutschsprachigen Raum und eröffnet der kulturhistorischen Forschung vielfältige Perspektiven. Zudem hat Schönwerth durch seine Vertrauensstellung bei König Maximilian II. sehr viel stärker die Entwicklung der bayerischen Wissenschaftslandschaft seiner Zeit beeinflusst, wie bisher angenommen.

"Die interdisziplinäre Annäherung an Schönwerth gewährt tiefe Einblicke in eine spannende Zeit, in der die Oberpfalz durch den Prozess der langsam einsetzenden Industrialisierung und der Verstädterung einen tiefgreifenden Transformationsprozess durchlaufen hat. Damit einher ging die Suche nach der eigenen kulturellen Identität in einem Prozess des kulturellen Wandels, der am Beispiel Franz Xaver von Schönwerths eindrucksvoll studiert werden kann.“
(Daniel Drascek in: Vorwort zu „Schönwerth. Neue Perspektiven auf Franz Xaver von Schönwerth..“, Regensburg 2011)

Die vielschichtige Bedeutung Schönwerths aus der Perspektive verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen auszuloten, ist ein Ziel des vom Lehrstuhl für Vgl. Kulturwissenschaft der Universität organisierten Symposiums, das sich über die Fachöffentlichkeit hinaus vor allem an eine breite, interessierte Öffentlichkeit wendet. Es fand statt am Samstag, dem 12. Juli 2010 im Runtingersaal zu Regensburg, Keplerstr. von 9 – 19.30 Uhr. Mitveranstalter waren das Kulturreferat der Stadt Regensburg, der Historische Verein für Oberpfalz und Regensburg, der Regensburger Verein für Volkskunde e.V., die Schönwerth-Gesellschaft e.V. und der Arbeitskreis Landeskunde Ostbayern an der Universität Regensburg.
"Franz Xaver von Schönwerth ist der wohl bedeutendste Oberpfälzer Volkskundler. Ihm verdanken wir ein lebendiges Abbild des Alltags seiner Landsleute im 19. Jahrhundert. Der gebürtige Amberger ist bis heute durch sein dreibändiges Werk "Aus der Oberpfalz - Sitten und Sagen" bekannt. Doch der Umfang seines Werkes ist weitaus größer. Hunderte von Geschichten zur Erzähl- und Alltagskultur der breiten Bevölkerung in der Oberpfalz trug er während seines Lebens zusammen. Dieser immense Fundus gehört zu den bedeutendsten Beständen seiner Art im deutschsprachigen Raum. Er stellt eine reiche kulturhistorische Fundgrube dar, die eine Forschung in vielen Sichtweisen erlaubt.l" (Klemens Unger: Grußwort zu dem oben genannten Symposiumsabend der Universität Regensburg)

 

 

Vita des Franz Xaver von Schönwerth (1810 – 1886)

1810 16. Juli: Geburt Schönwerths in Amberg; (Eltern: Joseph Schönwerth, Zeichenlehrer am Amberger Gymnasium, und Josepha, geb. Kirchberger)
1821 Eintritt in die „untere Abteilung“ des Amberger Gymnasiums
1832 Abschlussprüfung an der Lyceal-Studienanstalt zu Amberg als zweitbester Schüler; Beginn des Studiums an der Bauakademie in München
1834 Nach 5 Semestern Wechsel an die Münchener Universität zur Aufnahme des Jurastudiums
1837 Erste Staatsprüfung mit der Note „ausgezeichnet im vorzüglichen Grade“
1841 Nach bestandener Prüfung für den höheren Finanzdienst Anstellung bei der Regierung von Oberbayern
1845 Privatsekretär des Kronprinzen Maximilian
1848 Nach der Thronbesteigung Maximilians II. Hofsekretär und Vorstand der Kabinettskasse
1851 Ernennung zum Generalsekretär und Ministerialrat am bayerischen Staatsministerium der Finanzen
1854 Erste vorbereitende Arbeiten zu den „Sitten und Sagen“: Fragebogen über „Gegenstände, über welche gefällige Mitteilung erbeten wird an Gewährsleute in der Oberpfalz“
1856 Verehelichung mit Maria Rath, der Tochter des Hammergutsbesitzers Michael Rath aus Neuenhammer bei Vohenstrauß
1857 Veröffentlichung des 1. Bandes „Aus der Oberpfalz – Sitten und Sagen‘; die Bände 2 und 3 folgen in den Jahren 1858 und 1859
1859 Verleihung des persönlichen Adels
1860 Vom König befürworteter dreimonatiger Forschungsaufenthalt in Neuenhammer: Studien und Sammlungen zu oberpfälzischen Sitten, Sagen und Sprichwörtern sowie zur oberpfälzischen Mundart.
1861 Zweiter Forschungsaufenthalt in Neuenhammer: Fortsetzung der volkskundlichen Studien und Sammlungen
1866 Wahl zum 1. Vorsitzenden des Historischen Vereins von Oberbayern (bis 1875)
1872 Aufsatz: „J. A. Schmeller und seine Bearbeitung der baierischen Mundarten mit Bezugnahme auf das Oberpfälzische“
1874 Herausgabe der Sammlung „Sprichwörter des Volkes der Oberpfalz in der Mundart“
1880 Eintritt in den Ruhestand
1886 24. Mai: Tod Schönwerths; Beisetzung auf dem Alten Friedhof zu München.