Werk des Franz Xaver von Schönwerth (1810 – 1886)

Franz Xaver von Schönwerth (1810 – 1886) ist der bedeutendste Sammler von Sagen, Märchen, Legenden, Schwänken, Sprichwörtern, von Brauchtum und Volksleben in der Oberpfalz.

Schon ein kleiner Blick in die schier unermessliche Schatztruhe Schönwerths eröffnet uns eine geheimnisvolle, wundersame Märchen-und Sagenwelt, die selbst in der Gegenwart eine erstaunliche Aktualität und zeitlose Aussagekraft besitzt. Angeregt durch seine tief in ihrer Heimat Neuenhammer bei Vohenstrauß verwurzelten Frau Maria, geb. Rath, die ihrem Mann einen unversiegbaren Schatz an heimischem Erzählgut übermittelte, befragte er seine oberpfälzischen Landsleute nach allem, was sie aus dem Volksleben wussten. Selbst als Ministerialrat und Privatsekretär von König Max II. in München setzte er seine Arbeit fort. Vor allem oberpfälzische Dienstboten in München dienten ihm als seine Gewährspersonen. Einen Teil seiner Forschungsarbeiten veröffentlichte Schönwerth in seinem dreibändigen Werk: „Aus der Oberpfalz – Sitten und Sagen“ (1857, 1858, 1859), das (1858) auch die Hochachtung von Jacob Grimm gefunden hat: „Nirgendwo in ganz Deutschland ist umsichtiger, voller und mit so leisem Gehör gesammelt worden.“ Darüber hinaus ruht noch ein riesiger Schatz größtenteils unveröffentlichter Texte in Schönwerths Nachlass, der sich im Besitz des Historischen Vereins im Stadtarchiv Regensburg befindet.

Die Bedeutung des Nachlasses für die Kenntnis des Gesamtwerkes Schönwerths

Schönwerths Name wird heute meist nur noch in Verbindung mit den „Sitten und Sagen“ genannt, einer auch in der neueren Volkskunde als vorbildhaft anerkannten Sammlung regionaler Volksüberlieferungen. Die beiden 1869 und 1872 in den „Verhandlungen des Historischen Vereins der Oberpfalz und von Regensburg“ erschienenen, heute aber fast in Vergessenheit geratenen Aufsätze zur Stellung der oberpfälzischen Mundart innerhalb des Baierischen und der germanischen Sprachen sowie die 1874 veröffentlichte Sammlung mundartlicher Sprichwörter aus der Oberpfalz beweisen jedoch, dass Schönwerth neben dem Brauchtum und Erzählgut auch die Mundart und das Sprichwort in seine volkskundlichen Forschungen mit einbezogen hat. Wer nun allerdings allein die Veröffentlichungen Schönwerths zur Grundlage einer Beurteilung seines Gesamtwerkes machen wollte, liefe Gefahr, den Teil seiner Sammlungen und Forschungen zu übersehen, den der umfangreiche Nachlass darüber hinaus noch enthält.

Schönwerth selbst hat schon in den „Sitten und Sagen“ auf die Menge des ihm noch vorliegenden Stoffes hingewiesen, am deutlichsten aber in dem () Brief an Maximilian II. von 1861, wo er in Bezug auf seine oberpfälzische Sagen- und Brauchtumssammlung schreibt, dass „eine Zahl von sechs bis sieben weiteren Bänden (zu deren Veröffentlichung) nicht ausreichen würde". Auch Johann Sepp teilt in seiner Würdigung Schönwerths mit, dass sich im Nachlass des verstorbenen Gelehrten noch vier Bände als Fortsetzung der „Sitten und Sagen“ befänden. Speziell auf den Nachlass Schönwerths hat erst 1922 wieder Johann Baptist Laßleben aufmerksam gemacht: „Es sind etwa 30 dicke Bündel, geschrieben von Schönwerths Hand, die im Vereinsarchiv (des Historischen Vereins für Oberpfalz und von Regensburg) ruhen und der Auferstehung harren. Laßleben, der bescheiden zugibt, vorläufig nur ein Bündel durchgesehen zu haben, empfiehlt sogleich eine Herausgabe dieses „volkskundlichen Schatzes" und hofft, Schönwerths Sammlungen könnten dadurch wieder zum allgemeinen Volksgut werden. Doch ist diese Empfehlung bis heute nicht verwirklicht worden. Allerdings hat Laßlebens Aufsatz bewirkt, dass sich der Amberger Karl Winkler etwa ein Jahrzehnt später nochmals mit dem Nachlass Schönwerths beschäftigt und das Ergebnis dieser Arbeit in seinen bereits erwähnten „Oberpfälzischen Sagen, Legenden, Märchen und Schwänken“ vorgelegt hat.

Winkler bringt hier zwar eine Menge noch ungedruckter Beiträge aus Schönwerths Sammlung, angeordnet „nach natürlichen Stoffgruppen und möglichst in Anlehnung an die Einteilung, die Friedrich Ranke gibt in seinem grundlegenden und vorbildlichen, alle deutschen Landschaften behandelnden Buche „Die deutschen Volkssagen“, doch enthält seine Ausgabe keinerlei Hinweise über Zustand und inhaltliche Zusammensetzung seiner „Quelle". Der Leser wird auch vergeblich nach genauen Quellenangaben und einem Sachregister suchen. Vermutlich hat Winkler den Nachlass nicht einmal ganz durchgesehen, gibt er doch in der Einführung zu seinem Buch dessen Umfang nur ungenau mit „über dreißig Handschriftenbände(n) an. Eine Beschreibung des Nachlasses, die zum Zwecke einer weiteren Auswertung unbedingt erforderlich ist, bietet Winkler jedenfalls nicht.

Dennoch bleibt es sein Verdienst, zum ersten Male überhaupt in größerem Umfang Material aus Schönwerths Nachlass veröffentlicht und damit erneut auf diese Fundgrube hingewiesen zu haben. In jüngerer Zeit (1956) hat auch das Institut für mitteleuropäische Volksforschung an der Universität Marburg, Abteilung Zentralarchiv der Volkserzählung, Abschriften aus dem Nachlass Schönwerths anfertigen lassen, doch () dabei ebenfalls nicht alle Faszikel berücksichtigt.
Roland Röhrich

In: Röhrich, Roland: Der oberpfälzische Volkskundler Franz Xaver von Schönwerth – Sein Leben und sein Werk. Laßleben, Kallmünz 1975, S. 111f.

 

Bemerkungen:

Ein Bestandsverzeichnis vom Nachlass Schönwerths haben Studenten des Instituts für Europäische Ethnologie / Kulturwissenschaft der Philipps-Universität Marburg unter Prof. Dr. Siegfried Becker angelegt, das mit 12.11.1992 datiert ist. Die Abschriften der Texte befinden sich im Zentralarchiv der Philipps Universität Marburg.

Das undatierte „Inhaltsverzeichnis zum Nachlaß des Franz Xaver von Schönwerth“ des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg wurde von Harald Fähnrich verbessert und 1988, 1995, 2003, 2004 ergänzt.

Bei der Durchsicht des Nachlasses hat Erika Eichenseer etwa 500, meist unveröffentlichte Märchen entdeckt. Im Auftrag der Schönwerth-Gesellschaft wird sie eine Auswahl davon noch 2010 publizieren.

Ein interdisziplinäres Symposium zur Bedeutung Schönwerths wird der Lehrstuhl für Vergleichende Kulturwissenschaft der Universität Regensburg im Runtingersaal zu Regensburg am 12. Juli 2010 veranstalten, an dem sich namhafte Wissenschaftler von fünf Universitäten beteiligen werden.

 

Märchen erzählen – neue Kunst aus alter Tradition

Märchen waren bis ins 19. Jahrhundert von Erwachsenen für Erwachsene erzählte Geschichten, von Mund zu Mund weiter getragene „Überbleibsel alter Mythen, spielerische Abkömmlinge einer uralten intuitiven Schau des Lebens und der Welt.“ Das Märchen schildert mit seinen Symbolen, Metaphern und archetypischen Bildmotiven innere Schicksale, Entwicklungen und vor allem Grenzsituationen des Menschen in einer Art und Weise, die das Unbewusste mit einschließt. So kann das Märchen zum Projektionsfeld der eigenen Phantasie werden. Die Psychoanalyse Sigmund Freuds sagt, dass Märchen und Mythen ebenso wie die Träume wichtige Deutungen zulassen, dass sie quasi als „kollektive Träume der Menschheit“ entziffert werden können. Und C.G. Jung nennt das Märchen sogar „Anatomie der Seele“.

"Volksmärchen sind sinndeutende Zeugnisse gelebten Lebens. Wie das Leben selber, erneuern sie sich ständig und sind so ein Urgrund von Poesie und zugleich deren vollendete Form. Wer sich mit Märchen im Erzählen und Zuhören vertraut macht, erkennt in den alten Texten ihre überzeitliche Wahrheit und Schönheit. lebendig, einfach und umfassend begegnen wir in den Märchen uns selbst, unseren Mitmenschen, ja der Welt und dem Welthintergrund. Deshalb beschäftigen die Märchen nicht nur Gelehrte: sie erfreuen ihre Liebhaber; sie richten sich in der ihnen eigentümlichen ganzheitlichen Weise an alle Menschen. Sie bekunden nämlich durch ihre in der ganzen Welt auffallend ähnlichen Motive ebenso wie durch ihre Wanderungen über alle Grenzen hinweg die ursprüngliche Verwandtschaft der Völker im Denken und Fühlen. (Europäische Märchengesellschaft)"

Märchen sind eigentlich keine Literatur, sondern „Linguatur“, sie wurden ausschließlich erzählt. Aufgeschrieben hat man sie erst in den letzten 200 Jahren, als Märchenfreunde merkten, dass die Erzähler langsam ausstarben und die Märchen mit ihnen unterzugehen drohten. Das war die Zeit der großen Sammler, die viele Schätze buchstäblich in letzter Minute gerettet haben wie die Brüder Grimm und der Oberpfälzer Franz Xaver von Schönwerth.

Seither aber stehen Märchen in Büchern und werden allenfalls noch vorgelesen – für Kinder, obwohl ursprünglich Märchen nur für Erwachsene erzählt wurden, z.B. in Spinnstuben, bei Nachtwachen, am Lagerfeuer und zur Unterhaltung und Erziehung von Königen.

Heute wird man sich wieder des Wertes der Märchen bewusst, Märchenerzähler sind wieder gefragt. Oft werden sie verwoben mit Musik auf eindrückliche Weise. Da wird erzählt mit Worten und Klängen, da wechselt Melancholisches und Heiteres, Schreckliches und Schelmisches.